Karl Wilhelm Diefenbachs ‚Per Aspera‘ entschlüsselt

Stell dir vor, ein Mensch fasst seine gesamte Lebensphilosophie, seine tiefsten Überzeugungen, seine Religion und seine persönliche Heilsgeschichte in einem einzigen, gewaltigen Kunstwerk zusammen. Kein Buch, kein Traktat, sondern eine gemalte Predigt, ein visuelles Manifest, das für jeden lesbar sein soll, der bereit ist, sich darauf einzulassen. Genau das ist „Per Aspera Ad Astra“, das monumentale Hauptwerk des Künstlers und Lebensreformers Karl Wilhelm Diefenbach.

Dieses Werk ist weit mehr als nur ein langes Landschaftsbild. Es ist der Schlüssel zum Verständnis von Diefenbachs gesamtem Denken. Es ist seine gemalte Bibel und Autobiografie zugleich. Um den Künstler wirklich zu verstehen, müssen wir dieses Kunstwerk entschlüsseln. In diesem Artikel nehmen wir dich mit auf eine Reise entlang dieser beeindruckenden 68 Meter Leinwand. Wir werden Schritt für Schritt die verborgenen Botschaften und die tiefgründige Symbolik aufdecken, die Diefenbach in seinem Meisterwerk verewigt hat.

Karl Wilhelm Diefenbach: Stürmische Meeresbucht (1912)
Stürmische Meeresbucht (1912)

Ein Kunstwerk der Superlative: Die Fakten zum Fries

Bevor wir in die Interpretation eintauchen, müssen wir die schiere Dimension dieses Werkes begreifen. Der Fries „Per Aspera Ad Astra“ ist ein Ölgemälde auf Leinwand mit einer unglaublichen Länge von 68 Metern und einer Höhe von zwei Metern. Diefenbach arbeitete mehrere Jahre daran und vollendete es um 1888. Es ist das unbestrittene Zentrum seines Schaffens, ein Projekt, in das er all seine Energie und seine künstlerische Vision investierte. Der Stil ist dem Symbolismus zuzuordnen, charakterisiert durch Diefenbachs einzigartige Silhouetten-Technik, die den Figuren eine zeitlose, archetypische Qualität verleiht.

Die Entstehungsgeschichte ist ebenso bemerkenswert. Diefenbach malte große Teile des Frieses in einem verlassenen Steinbruch bei München, unter freiem Himmel, um seiner Forderung nach einem Leben in der Natur gerecht zu werden. Heute hat dieses gewaltige Werk einen würdigen Platz gefunden. Es wird in einem eigens dafür gestalteten Raum im Museum von Schloss Fasanerie bei Fulda ausgestellt, wo BesucherInnen die epische Reise in ihrer ganzen Länge auf sich wirken lassen können.

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Die Bedeutung des Titels: Mehr als nur ein Motto

Der Titel „Per Aspera Ad Astra“ ist der erste Schlüssel zur Entschlüsselung des Werkes. Die lateinische Redewendung ist ein berühmtes Zitat, das unter anderem dem Philosophen Seneca zugeschrieben wird. Wörtlich übersetzt bedeutet es „Durch das Raue zu den Sternen“. Im übertragenen Sinne meint es „Durch Mühsal zum Erfolg“ oder „Durch Schwierigkeiten zum Licht“. Es ist ein universelles Motto für den menschlichen Kampf, für die Überwindung von Hindernissen auf dem Weg zu einem höheren Ziel.

Für Diefenbach war dies mehr als nur ein gelehrter Spruch. Es war die Quintessenz seiner gesamten Weltanschauung und seiner persönlichen Lebenserfahrung. Er sah das Leben als einen ständigen Kampf des Lichts gegen die Finsternis, der Gesundheit gegen die Krankheit, der Natur gegen die unheilvolle Zivilisation. Sein gesamtes Streben als Lebensreformer war darauf ausgerichtet, diesen mühsamen Weg aus dem „Rauen“ zu den „Sternen“ für sich und andere zu finden. Der Titel ist also nicht nur eine Benennung des Bildes, sondern sein philosophisches Programm in vier Worten.

Analyse Teil 1: Die Reise beginnt im Dunkel

Die visuelle Reise des Betrachters beginnt, wie der Titel andeutet, im „Aspera“, im Rauen. Der linke Teil des Frieses ist in düstere, fast schwarze Farbtöne getaucht. Diefenbach malt hier eine chaotische, sumpfige und bedrohliche Urlandschaft. Es ist eine Welt der Finsternis, bevölkert von unheimlichen Kreaturen wie Affen, Fledermäusen und Raubtieren, die einander bekämpfen. Aus dem morastigen Boden ragen abgestorbene Bäume wie knochige Finger in einen unwirtlichen Himmel.

Die Symbolik ist eindeutig. Dieser Abschnitt repräsentiert den unerlösten, gefallenen Zustand der Menschheit. Es ist die Welt des Materialismus, der Krankheit, der Sünde und der gesellschaftlichen Zwänge. Die Affen können als Symbol für die niederen Triebe des Menschen gelesen werden, die Fledermäuse als Boten der Dunkelheit. Die wenigen menschlichen Figuren, die hier zu sehen sind, wirken gequält und verloren. Sie sind in den Fängen dieser finsteren Welt gefangen. Es ist die Hölle auf Erden, der Zustand, den es zu überwinden gilt.

Karl Wilhelm Diefenbach: Kopf einer Gemse (1895)
Kopf einer Gemse (1895)

Analyse Teil 2: Die Prozession der reinen Menschheit

Aus dieser Dunkelheit entwickelt sich langsam das zentrale Motiv des gesamten Kunstwerks: eine schier endlose Prozession von Kindern und Jugendlichen. Sie bilden einen hellen, dynamischen Zug, der sich konsequent von links nach rechts, aus der Finsternis heraus, bewegt. Sie sind die Helden dieser epischen Erzählung. Ihre Darstellung ist der Schlüssel zur Botschaft.

Alle Figuren in diesem Zug sind nackt. Für Diefenbach war Nacktheit das Symbol für Wahrheit, Reinheit und Unschuld. Die Kinder und Jugendlichen repräsentieren die unverdorbenen Kräfte der Menschheit, die noch nicht von der Zivilisation und ihren Lügen vergiftet wurden. Sie sind die Hoffnungsträger, die eine neue, bessere Welt begründen können. Ihre Körper sind gesund und stark, ihre Bewegungen sind anmutig und voller Lebensfreude. Sie tanzen, musizieren und spielen.

Begleitet wird dieser Zug von einer vielfältigen Tierwelt. Löwen, Hirsche, Schwäne und Ziegen bewegen sich friedlich zwischen den Kindern. Diese harmonische Koexistenz von Raub- und Beutetieren ist ein klares Symbol für einen wiederhergestellten, paradiesischen Frieden. Es ist eine Anspielung auf den Garten Eden, auf einen Zustand, in dem alle Geschöpfe im Einklang miteinander und mit der Natur leben. Diese Prozession ist also nicht weniger als der Marsch der erneuerten Menschheit in eine goldene Zukunft.

Analyse Teil 3: Das Ziel der Reise ist das Licht

Je weiter der Zug nach rechts fortschreitet, desto heller und lichter wird die Landschaft. Die düsteren Sümpfe weichen blühenden Wiesen und einer sonnendurchfluteten, idealisierten Natur. Die Reise erreicht ihr Ziel, die „Sterne“ aus dem Titel. Am Ende der Prozession, als leuchtender Fluchtpunkt der gesamten Komposition, thront eine einzelne Gestalt auf einem Felsen. Es ist eine Figur in einer weißen Kutte, mit langen Haaren und ausgebreiteten Armen, die an Darstellungen von Christus oder Zarathustra erinnert.

Diese Figur ist die Verkörperung der Erlösung und des erreichten Ziels. Sie badet in gleißendem Licht, das von einer Sonne oder einem Stern auszugehen scheint. Sie ist das Symbol für die von Diefenbach angestrebte Utopie. Hier sind Gesundheit, spirituelle Erleuchtung und die perfekte Harmonie mit der Natur verwirklicht. Es ist die Manifestation seiner eigenen, pantheistischen Naturreligion, in der der Mensch durch ein reines Leben selbst zur göttlichen Lichtgestalt werden kann.

Ein autobiografisches Manifest: Diefenbachs persönliche Botschaft

Die tiefste Ebene der Entschlüsselung offenbart sich, wenn man den Fries als eine Allegorie auf Diefenbachs eigenes Leben liest. Das Werk ist nicht nur eine allgemeine philosophische Abhandlung, sondern eine zutiefst persönliche und autobiografische Beichte. Die drei Phasen des Bildes spiegeln die drei entscheidenden Phasen seines eigenen Lebens wider.

Die dunkle Landschaft am Anfang ist das Bild seiner eigenen existenziellen Krise. Es ist die Zeit seiner schweren Typhus-Erkrankung, in der er sich von der Welt und der Medizin verlassen fühlte und dem Tod nahe war. Die Prozession der Kinder ist sein eigener, mühsamer Weg der Heilung und Erneuerung durch die Prinzipien der Lebensreform. Es ist sein eigener Kampf, bei dem er die „Krankheiten“ der Zivilisation hinter sich lässt. Die strahlende Lichtgestalt am Ende ist sein Selbstbild als „Meister“ und Prophet, der die Erleuchtung gefunden hat und nun anderen den Weg weisen kann. Das Werk ist somit eine Rechtfertigung und Verherrlichung seines eigenen, radikalen Lebensweges.

Karl Wilhelm Diefenbach: Ecce Homo
Ecce Homo

Fazit: Der Schlüssel zu Diefenbachs Seele

„Per Aspera Ad Astra“ ist also weit mehr als nur ein beeindruckendes, langes Gemälde. Es ist ein komplexes, vielschichtiges Werk, das man wie ein Buch lesen muss. Es erzählt die universelle Geschichte vom menschlichen Streben nach einem besseren Leben, von der Überwindung von Dunkelheit und dem Weg zum Licht. Gleichzeitig ist es das sehr persönliche Tagebuch eines Mannes, der seine eigene Lebenskrise in eine universelle Heilslehre verwandelte.

Wer Karl Wilhelm Diefenbach wirklich verstehen will, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Es ist der visuelle Schlüssel zu seiner Seele, der Code, der sein gesamtes Denken, Fühlen und Schaffen zusammenfasst. Der Fries ist sein unvergängliches Vermächtnis und bleibt ein zeitloses Symbol für die Hoffnung, dass der mühsame Weg durch das Raue am Ende tatsächlich zu den Sternen führen kann.


Wie lange hat Diefenbach an dem Fries gemalt?
Diefenbach arbeitete über mehrere Jahre intensiv an dem Werk, hauptsächlich in der Zeit um 1888, als er in einem Steinbruch bei München lebte. Es war das zentrale Projekt dieser Lebensphase.

Warum ist das Werk heute in Fulda ausgestellt?
Nach Diefenbachs Tod blieb der Fries lange im Besitz der Familie. In den 1970er Jahren wurde die Sammlung von einem Nachfahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Schließlich fand das Werk im Museum von Schloss Fasanerie bei Fulda einen passenden und dauerhaften Ausstellungsort.

Gibt es eine bestimmte Reihenfolge, in der man das Werk betrachten muss?
Ja, unbedingt. Das Werk ist als narrative Abfolge konzipiert und muss von links nach rechts „gelesen“ werden, um die Entwicklung von der Dunkelheit (Aspera) zum Licht (Astra) nachzuvollziehen.

Ist die Lichtgestalt am Ende Jesus Christus?
Die Figur hat christusähnliche Züge (langes Haar, Bart, weiße Kutte, segnende Geste), aber Diefenbach, der die Kirche ablehnte, meinte damit eher eine universelle, erlöste Menschheitsfigur oder eine Personifikation der göttlichen Natur und der Sonne.

Welche Rolle spielt die Musik im Fries?
Viele der Figuren in der Prozession tragen Musikinstrumente wie Flöten und Leiern oder singen und tanzen. Musik war für Diefenbach, ähnlich wie die Malerei, ein Ausdruck von reiner Harmonie und Lebensfreude und ein wichtiger Teil des Weges zur Erlösung.

Gerhard RogenhoferJedes Objekt, das wir finden, ist ein Echo menschlicher Erfahrungen. Ich bin Gerhard und für mich ist Kulturgeschichte vor allem die Summe unzähliger persönlicher Schicksale. Hier auf Kultur-Fundstücke.de spüre ich diesen menschlichen Geschichten nach, die unsere Welt geformt haben.