Bauck & Wegmann: Eine Künstlerfreundschaft in Portraits

In den Annalen der Kunstgeschichte sind die Geschichten von Künstlerfreundschaften oft von Dramen, Rivalitäten und tragischen Brüchen geprägt – man denke nur an das berüchtigte Zusammenleben von van Gogh und Gauguin. Doch es existieren auch andere Narrative, leisere, aber nicht minder kraftvolle. Es sind die Geschichten von Allianzen, von gegenseitiger Unterstützung und intellektueller Symbiose. Eine der faszinierendsten dieser Verbindungen war die zwischen der schwedisch-deutschen Malerin Jeanna Bauck und der dänischen Künstlerin Bertha Wegmann.

Ihre Freundschaft war mehr als nur eine persönliche Beziehung; sie war ein professionelles Bündnis, das in einer Reihe außergewöhnlicher Porträts gipfelte. Diese Gemälde sind weit mehr als nur Abbilder. Sie sind ein gemalter Dialog, ein seltenes und kostbares Dokument, das uns heute einen Einblick in ein neues, selbstbewusstes Rollenverständnis der Künstlerin im 19. Jahrhundert gewährt und eine radikale Alternative zum dominierenden männlichen Blick auf die Frau in der Kunst formuliert.

Ein kreatives Bündnis entsteht

Die Münchner Kunstszene der 1870er Jahre war ein Schmelztiegel der Nationalitäten und Ideen. Obwohl die offizielle Akademie Frauen ausschloss, zog die Stadt dennoch zahlreiche ambitionierte Künstlerinnen an, die in teuren Privatateliers und den wenigen Damen-Akademien ihr Glück versuchten. In diesem Umfeld trafen Jeanna Bauck, die bereits eine eigene Malschule für Frauen leitete, und die aufstrebende Bertha Wegmann aufeinander. Die Chemie zwischen den beiden Frauen stimmte sofort. Sie teilten nicht nur eine ähnliche künstlerische Vision, die sich zwischen Realismus und der aufkommenden Freilichtmalerei bewegte, sondern auch einen unbedingten Professionalisierungsanspruch.

Ihre Verbindung manifestierte sich bald in einem für die Zeit unkonventionellen Schritt: Sie beschlossen, ein gemeinsames Atelier zu führen. Dies war eine Entscheidung von enormer praktischer und symbolischer Tragweite. Praktisch erlaubte es ihnen, Kosten zu teilen und ihre Ressourcen zu bündeln. Symbolisch jedoch war es ein Akt der Selbstermächtigung. Das Atelier war kein privater Rückzugsort, sondern ein semi-öffentlicher Raum der professionellen Arbeit, des Empfangs von Modellen und potenziellen KäuferInnen.

Indem sie diesen Raum gemeinsam beanspruchten, positionierten sie sich als gleichberechtigte, ernsthafte Unternehmerinnen. Ihr Atelier wurde zu einem geschützten Labor, in dem sie experimentieren, einander kritisches Feedback geben und ihre Karrieren vorantreiben konnten – frei von der herablassenden Haltung, die ihnen in männlich dominierten Kreisen oft entgegenschlug.

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Das Doppelporträt als Dialog

Das Herzstück und eindrücklichste Zeugnis ihrer Beziehung ist eine Reihe von Porträts, die sie in den Jahren 1880 und 1881 voneinander anfertigten. Diese Werke gehen weit über die Konventionen des Freundschaftsbildnisses hinaus und müssen als bewusster künstlerischer Dialog gelesen werden, in dem sie ihre Identität als moderne Künstlerinnen verhandelten.

Jeanna Baucks Blick auf Bertha Wegmann

Das wohl berühmteste Gemälde dieser Serie ist Jeanna Baucks Porträt ihrer Freundin, oft betitelt als „Die dänische Künstlerin Bertha Wegmann, ein Porträt malend“. Eine eingehende Analyse enthüllt seine radikale Modernität. Sie zeigt Wegmann nicht in einer statischen, repräsentativen Pose. Stattdessen fängt sie sie in flagranti ein, im Akt des Schaffens. Wegmann sitzt leicht nach vorn gebeugt, ihre gesamte Haltung drückt höchste Konzentration aus. Ihr Blick ist nicht auf den Betrachter oder die Malerin gerichtet, sondern auf eine außerhalb des Bildraums liegende Leinwand – ihr eigenes Werk.

Die dänische Künstlerin Bertha Wegmann, ein Porträt malend
Die dänische Künstlerin Bertha Wegmann, ein Porträt malend

Sie ist hier vollkommen Subjekt, eine denkende und arbeitende Frau. Der Pinsel in ihrer Hand ist kein zierendes Attribut, sondern das aktive Werkzeug ihrer Profession. Die Komposition ist dynamisch und informell. Das Atelier ist als Arbeitsplatz skizziert, mit umherstehenden Leinwänden und Malutensilien. Bauck entscheidet sich für eine realistische, fast schnappschussartige Darstellung, die mit der idealisierten und oft erotisierten Darstellung von Frauen in der damaligen Salonmalerei bricht.

Bertha Wegmanns Blick auf Jeanna Bauck

Als Gegenstück malte Wegmann ebenfalls ein Porträt ihrer Freundin. Auch hier wiederholt sich das Motiv der arbeitenden Künstlerin, jedoch mit subtilen Unterschieden. In Wegmanns Version ist Bauck ebenfalls in ihrem Element dargestellt, doch ihr Blick ist oft direkter, manchmal scheint sie einen Moment innezuhalten, um die BetrachterIn (oder die malende Freundin) anzusehen.

Bertha Wegmann: Die Künstlerin Jeanna Bauck
Bertha Wegmann: Die Künstlerin Jeanna Bauck

Dies könnte als eine andere Facette ihrer Beziehung interpretiert werden – vielleicht als Darstellung des dialogischen Moments, des Austauschs zwischen den beiden. Gemeinsam ist beiden Werken die Darstellung auf Augenhöhe. Es gibt keine Hierarchie. Es sind zwei gleichberechtigte Profis, die sich gegenseitig mit Respekt und tiefem Verständnis für die Mühen und Freuden ihres Berufs porträtieren.

Ein Manifest gegen die Norm

Was diese Porträts so bedeutend macht, ist ihre bewusste Abkehr vom dominierenden „male gaze“, dem männlichen Blick, der die Frau in der Kunst jahrhundertelang zum passiven Objekt der Schönheit, zur Muse oder zur Allegorie degradiert hatte. Bauck und Wegmann reklamieren den Blick für sich. Sie zeigen sich gegenseitig so, wie sie gesehen werden wollen: als intelligente, fähige und schaffende Individuen. Sie etablieren damit, lange bevor der Begriff in der feministischen Kunsttheorie geprägt wurde, einen authentischen „weiblichen Blick“ (Female Gaze). Ihre Porträts sind kein Objekt der Begierde, sondern ein Subjekt der intellektuellen Arbeit. Dieser Akt der visuellen Selbstdefinition ist ein leises, aber unüberhörbares Manifest der Emanzipation.

Paris, die große Bühne

Nach ihrer intensiven Zeit in München zog es die beiden Freundinnen Anfang der 1880er Jahre gemeinsam nach Paris, die unangefochtene Hauptstadt der Kunstwelt. Ein Erfolg hier, insbesondere eine Zulassung zur jährlichen Ausstellung des Pariser Salons, war die ultimative Bestätigung für jeden Künstler und jede Künstlerin. Auch in Paris teilten sie sich ein Atelier und unterstützten sich gegenseitig in dem harten Konkurrenzkampf um Sichtbarkeit. Ihre Allianz war hier von unschätzbarem Wert.

Sie navigierten gemeinsam durch das komplexe soziale Gefüge der Metropole, besuchten Ausstellungen und lernten von den neuesten künstlerischen Strömungen, speziell dem aufkommenden Impressionismus, dessen heller Pinselstrich und Fokus auf das alltägliche Leben auch in ihren Werken Spuren hinterließ.

Ihre Bemühungen waren von Erfolg gekrönt. Sowohl Bauck als auch Wegmann wurden mehrfach zum Pariser Salon zugelassen. Bertha Wegmann erhielt dort sogar eine ehrenvolle Erwähnung, ein seltener Erfolg für eine ausländische Künstlerin. Dieser Erfolg war zweifellos auch ein Ergebnis ihrer Synergie. Sie konnten sich gegenseitig Feedback zu ihren eingereichten Werken geben, sich motivieren und die unvermeidlichen Ablehnungen und Kritiken gemeinsam verarbeiten. Ihre Zeit in Paris festigte nicht nur ihren internationalen Ruf, sondern bewies auch, dass ihr Modell der weiblichen Kollaboration selbst auf der weltweit anspruchsvollsten Bühne funktionierte.

Mehr als nur Kolleginnen

Die Freundschaft zwischen Jeanna Bauck und Bertha Wegmann war das Fundament, auf dem ihre Karrieren aufbauten. In einer Kunstwelt, die auf dem Mythos des einsamen männlichen Genies basierte und von Rivalität geprägt war, bot ihre Beziehung ein radikales Gegenmodell. Sie waren füreinander die wichtigsten Kritikerinnen – ehrlich, aber immer konstruktiv. Sie waren Mentorinnen, die sich gegenseitig neue Techniken und Ideen vermittelten. Und sie waren Vertraute, die den emotionalen Druck, die finanziellen Sorgen und die ständigen Zweifel verstanden, denen Frauen in diesem Beruf ausgesetzt waren. Ihre Korrespondenz und die Zeugnisse von ZeitgenossInnen zeichnen das Bild einer tiefen emotionalen und intellektuellen Verbundenheit. Diese weibliche Allianz war keine bloße Nettigkeit, sondern eine bewusste Überlebens- und Erfolgsstrategie in einem feindlichen Umfeld. Sie bewiesen, dass Solidarität eine ebenso starke kreative Kraft sein kann wie Konkurrenz.

Fazit

Die gemeinsamen Porträts von Jeanna Bauck und Bertha Wegmann sind weit mehr als nur meisterhaft gemalte Bilder. Sie sind vielschichtige historische Dokumente, die uns die Geschichte einer einzigartigen kreativen und persönlichen Symbiose erzählen. Sie widerlegen das Klischee der isolierten, um Anerkennung buhlenden Künstlerin und zeigen stattdessen das kraftvolle Potenzial weiblicher Netzwerke.

Der gemalte Dialog der beiden Freundinnen ist ein leises, aber eindringliches Plädoyer für eine andere Art von Kunstgeschichte – eine, die nicht nur die Werke feiert, sondern auch die Beziehungen und Strukturen, die sie ermöglicht haben. Ihr Vermächtnis ist nicht nur ihre individuelle Kunst, sondern das kraftvolle, auf Leinwand gebannte Beispiel, wie weibliche Solidarität den Mythos des einsamen, männlichen Genies herausfordern kann.

FAQs

Wer waren Jeanna Bauck und Bertha Wegmann?
Jeanna Bauck (1840–1926) war eine schwedisch-deutsche Malerin und Pädagogin, Bertha Wegmann (1847–1926) eine bedeutende dänische Malerin. Sie verband eine enge Künstlerfreundschaft, die in den 1880er Jahren in München und Paris ihren Höhepunkt fand und in einer berühmten Serie von gegenseitigen Porträts dokumentiert ist.

Was ist das Besondere an den gemeinsamen Porträts von Bauck und Wegmann?
Diese Porträts sind revolutionär, weil sie die Künstlerinnen nicht als passive Modelle, sondern als aktive, schaffende Subjekte zeigen. Sie brechen mit dem traditionellen „männlichen Blick“ (male gaze) und etablieren einen selbstbewussten „weiblichen Blick“, der Professionalität und intellektuelle Arbeit in den Vordergrund stellt.

Was bedeutete ein gemeinsames Atelier für Künstlerinnen im 19. Jahrhundert?
Ein gemeinsames Atelier war ein wichtiger Akt der Professionalisierung. Es diente als Arbeitsplatz, bot Schutz vor gesellschaftlichen Anfeindungen, ermöglichte das Teilen von Kosten für Miete und Modelle und schuf einen Raum für kritischen Austausch und gegenseitige Unterstützung.

Inwiefern war die Freundschaft von Bauck und Wegmann eine „Erfolgsstrategie“?
In einer von Männern dominierten Kunstwelt bot ihre Allianz emotionalen Halt und professionelle Vorteile. Sie fungierten als gegenseitige Kritikerinnen, Mentorinnen und Förderinnen, was ihnen half, sich auf dem internationalen Kunstmarkt, z. B. beim Pariser Salon, zu etablieren.

Warum sind diese Porträts für die feministische Kunstgeschichte wichtig?
Sie sind seltene visuelle Belege für weibliche Solidarität und Selbstdefinition in der Kunst des 19. Jahrhunderts. Sie dienen als Schlüsselwerke, um zu verstehen, wie Künstlerinnen damals ihre eigene Identität jenseits der von Männern vorgegebenen Rollenbilder verhandelten und visuell manifestierten.

Gerhard RogenhoferJedes Objekt, das wir finden, ist ein Echo menschlicher Erfahrungen. Ich bin Gerhard und für mich ist Kulturgeschichte vor allem die Summe unzähliger persönlicher Schicksale. Hier auf Kultur-Fundstücke.de spüre ich diesen menschlichen Geschichten nach, die unsere Welt geformt haben.