Der Große Bär: Werefkin in Ascona

Das Jahr 1921. Marianne von Werefkin steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Mit über 60 Jahren befindet sie sich im Schweizer Exil, ihr Partner Alexej von Jawlensky hat sie nach fast drei Jahrzehnten verlassen. Das gesamte Vermögen, ihre zaristische Pension, wurde von der Russischen Revolution ausgelöscht. Für die meisten Menschen wäre dies das Ende.

Doch für die Baronin, die schon so viele Krisen überstanden hatte, war es der Beginn eines letzten, beeindruckenden Kapitels. Das ist eine Geschichte über ungebrochene Widerstandskraft und die Gründung einer neuen künstlerischen Familie. So entstand ihr bedeutendes Spätwerk am Ufer des Lago Maggiore.

Marianne von Werefkin: Golgatha (ca.1910)
Marianne von Werefkin: Golgatha (ca.1910)

Ascona und der Monte Verità

Es ist kein Zufall, dass Werefkin ausgerechnet in Ascona eine neue Heimat fand. Dieses kleine Fischerdorf im Tessin war um die Jahrhundertwende zu einem der aufregendsten Orte Europas geworden. Auf dem Hügel über dem Dorf, dem Monte Verità (Berg der Wahrheit), hatte sich eine legendäre Kolonie von AussteigerInnen niedergelassen. AnarchistInnen, TheosophInnen, NaturistInnen, VegetarierInnen und KünstlerInnen aus aller Welt suchten hier nach alternativen Lebensformen jenseits der bürgerlichen Zwänge.

Diese antikonventionelle, spirituell aufgeladene Atmosphäre bot einen fruchtbaren Boden für eine Künstlerin wie Werefkin. Auch wenn sie selbst nicht in den Sandalen der LebensreformerInnen umherlief, fand sie hier doch einen Geist der Freiheit und der Suche nach dem Wesentlichen, der ihren eigenen künstlerischen Überzeugungen entsprach. Ascona war ein Ort, an dem man nach einem Schiffbruch stranden und trotzdem überleben konnte.

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Die Gründung des „Großen Bär“

Auch im Exil und in der Armut blieb Marianne von Werefkin das, was sie immer war: eine unermüdliche Netzwerkerin und Initiatorin. Sie ertrug die Einsamkeit nicht lange. Um sich und anderen KünstlerInnen in einer ähnlichen Situation wieder eine Plattform und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu geben, gründete sie 1924 die Künstlergruppe „Der Große Bär“. Der Name war voller Symbolik: Das Sternbild (Ursa Major) ist am Nordhimmel zu sehen und erinnerte sie an ihre russische Heimat, gleichzeitig ist der Bär ein Symbol für Kraft und Stärke.

Die Gruppe wurde zu ihrer neuen künstlerischen Familie. Zu den Mitgliedern zählten unter anderem Künstler wie der Schweizer Ernst Frick, der Deutsche Walter Helbig und der Niederländer Otto van Rees. Der Zweck des „Großen Bär“ war pragmatisch und ideell zugleich: Man wollte sich gegenseitig unterstützen, gemeinsame Ausstellungen in der ganzen Schweiz organisieren und so als Gruppe auf sich aufmerksam machen. Einmal mehr bewies Werefkin, dass ihr Wille, Kunst zu schaffen und zu ermöglichen, durch nichts zu brechen war.

Von inneren Visionen zu äußeren Landschaften

Ihre neue Umgebung und ihre veränderte Lebenssituation spiegelten sich deutlich in ihrem Spätwerk wider. Während ihre Münchner Bilder oft von inneren, fiebrigen Visionen geprägt waren, wandte sie sich in Ascona stärker der sichtbaren Welt zu – allerdings ohne ihre symbolische Tiefe aufzugeben. Sie malte die dramatische Landschaft des Tessins, die steilen Berge und den tiefen See, doch ihre Darstellungen waren nie bloße Abbilder. Sie waren weiterhin Seelenlandschaften.

Marianne von Werefkin: Freitag Abend (Synagoge) (1909)
Marianne von Werefkin: Freitag Abend (Synagoge) (1909)

Ihre Themen fand sie nun im einfachen, archaischen Leben der lokalen Bevölkerung. Sie malte Fischer bei der Arbeit, Wäscherinnen am Fluss oder ernste, feierliche Prozessionen. Ihr Stil veränderte sich ebenfalls. Die explosive, fast schrille Farbigkeit ihrer expressionistischen Blütezeit wich oft dunkleren, erdigeren Tönen. Ihre Formen wurden ruhiger, flächiger und monumentaler. Es war ein reiferer, vielleicht melancholischerer Stil, der aber nichts von seiner eindringlichen, expressiven Kraft verloren hatte.

Zwischen Poesie und Plakaten

Das Leben in Ascona war ein ständiger Kampf ums Überleben. Die große Gönnerin von einst war jetzt selbst auf jeden Rappen angewiesen. Sie lebte in einfachsten Verhältnissen und musste ihre Kunst an die Gegebenheiten anpassen. Ihr Pragmatismus und ihr unbedingter Gestaltungswille zeigten sich in der Vielfalt ihrer Tätigkeiten. Um sich über Wasser zu halten, schrieb sie Gedichte und Artikel für lokale Zeitungen.

Besonders bemerkenswert sind die Werbeplakate, die sie für verschiedene Anlässe in Ascona entwarf. Mit der gleichen künstlerischen Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Gemälde schuf, gestaltete sie Ankündigungen für Konzerte oder Feste. Diese Brotarbeiten waren für sie keine Demütigung, sondern ein Beweis dafür, dass die Kunst auch im Alltag ihren Platz und ihre Funktion haben konnte. Sie zeigen eine Frau, die bis zum Schluss fest entschlossen war, von und für ihre Kunst zu leben, egal unter welchen Umständen.

„La Baronessa“ von Ascona

Trotz ihrer Armut wurde Marianne von Werefkin in ihren letzten Lebensjahren zu einer hochgeachteten und geliebten Persönlichkeit in Ascona. Man nannte sie respektvoll „la Baronessa“. Sie war eine lebende Legende, eine Zeugin der großen europäischen Avantgarde-Bewegungen, die im kleinen Tessiner Dorf gestrandet war. Ihr Rat wurde gesucht, ihre Anwesenheit geschätzt.

Als sie 1938 starb, glich ihre Beisetzung einem Staatsbegräbnis. Die gesamte Bevölkerung von Ascona erwies ihr die letzte Ehre. Ihr Vermächtnis ist im Ort bis heute lebendig. Freunde gründeten nach ihrem Tod die Fondazione Marianne Werefkin, um ihren Nachlass zu bewahren. Dieser bildet heute den Grundstock für das Museo Comunale d’Arte Moderna in Ascona, das ihre Werke prominent ausstellt und ihre Erinnerung wachhält.

Marianne von Werefkin: Brücke bei Lausanne (Pont de Gergovie) (1917-18)
Marianne von Werefkin: Brücke bei Lausanne (Pont de Gergovie) (1917-18)

Fazit

Das letzte Kapitel im Leben der Marianne von Werefkin ist vielleicht ihr beeindruckendstes. Es ist der ultimative Beweis für ihre außergewöhnliche Charakterstärke und ihre absolute Hingabe an die Kunst. Nachdem sie ihre Heimat, ihre große Liebe und ihr gesamtes Vermögen verloren hatte, erfand sie sich im Alter von über 60 Jahren noch einmal komplett neu. Sie baute sich eine neue Existenz auf, gründete eine neue Künstlergemeinschaft und schuf ein Spätwerk von großer Tiefe und Bedeutung. Es war der machtvolle, letzte Pinselstrich unter einem Leben, das selbst ein Kunstwerk war.


FAQs

Warum ging Marianne von Werefkin nach dem Ersten Weltkrieg ausgerechnet nach Ascona?
Nach ihrer Flucht aus Deutschland war die Schweiz ein naheliegendes Exil. Ascona, mit seiner etablierten Gemeinschaft von unkonventionellen KünstlerInnen und LebensreformerInnen, bot ihr ein soziales und geistiges Umfeld, in dem sie auch ohne finanzielle Mittel und trotz ihres Status als ältere, alleinstehende Frau Anknüpfungspunkte finden konnte.

Wer waren die Mitglieder der Künstlergruppe „Der Große Bär“?
„Der Große Bär“, 1924 von Werefkin gegründet, war eine Zweckgemeinschaft von Künstlern, die in Ascona lebten. Zu den Mitgliedern zählten neben Werefkin unter anderem die Maler Ernst Frick, Albert Kohler, Gordon Mallet McCouch, Otto van Rees und Richard Seewald.

Wie unterscheidet sich Werefkins Spätwerk von ihren früheren Bildern?
Ihr Spätwerk ist thematisch stärker auf die äußere Landschaft und das Leben der einfachen Leute im Tessin bezogen. Stilistisch sind die Farben oft dunkler und erdiger als in ihrer explosiven Münchner Zeit. Die Kompositionen wirken ruhiger, flächiger und monumentaler, behalten aber immer eine stark expressive und symbolische Dimension.

Wie hat sie in Ascona ohne Geld überlebt?
Sie lebte in großer Armut und war auf die Unterstützung von Freunden sowie auf den Verkauf kleinerer Arbeiten angewiesen. Um sich ein minimales Einkommen zu sichern, schrieb sie auch Texte und gestaltete Gebrauchsgrafik, wie Werbeplakate für lokale Veranstaltungen.

Wie wird heute in Ascona an Marianne von Werefkin erinnert?
Sie ist in Ascona unvergessen. Die von Freunden gegründete Stiftung „Fondazione Marianne Werefkin“ bewahrt ihren Nachlass. Ihre Werke bilden einen zentralen Teil der Sammlung des Museo Comunale d’Arte Moderna, und ihr Grab auf dem Friedhof von Ascona wird bis heute gepflegt.

Gerhard RogenhoferJedes Objekt, das wir finden, ist ein Echo menschlicher Erfahrungen. Ich bin Gerhard und für mich ist Kulturgeschichte vor allem die Summe unzähliger persönlicher Schicksale. Hier auf Kultur-Fundstücke.de spüre ich diesen menschlichen Geschichten nach, die unsere Welt geformt haben.