Werefkins Salon: Wo der Blaue Reiter begann

Stell dir die Giselastraße 23 in München-Schwabing um 1908 vor. Ein stattliches, gutbürgerliches Mietshaus, dessen Fassade Ordnung und Respektabilität ausstrahlt. Doch hinter den Fenstern einer der Wohnungen fand nichts weniger als eine Revolution statt. Hier, im Salon der Baronin Marianne von Werefkin, versammelte sich eine Gruppe von KünstlerInnen, die dabei waren, die Kunst des 20. Jahrhunderts auf den Kopf zu stellen. Dieses Wohnzimmer war kein Ort für höflichen Small Talk bei Tee und Gebäck. Es war ein intellektueller Brutkasten, ein Labor für radikale Ideen und das strategische Hauptquartier, in dem der Geist des legendären „Blauen Reiter“ geboren wurde.

München um 1900

Um die Bedeutung dieses Salons zu verstehen, muss man die Atmosphäre Münchens zur Prinzregentenzeit kennen. Die Stadt an der Isar war ein kultureller Magnet, der KünstlerInnen aus ganz Europa anzog. Sie galt als liberale „Kunststadt“ – doch dieser Ruf hatte Risse. Die offizielle Kunstszene wurde von den sogenannten „Malerfürsten“ wie Franz von Lenbach und Franz von Stuck dominiert. Ihre pompöse, historisierende Malerei wurde an der Akademie gelehrt und in den großen Glaspalästen ausgestellt. Sie setzten den Maßstab für das, was als „gute Kunst“ galt.

Lenbach-Otto Fürst von Bismarck (1894)
Lenbach-Otto Fürst von Bismarck (1894)

Für eine wachsende Zahl junger, fortschrittlicher KünstlerInnen war dieser etablierte Kunstbetrieb jedoch ein Gefängnis. Sie suchten nach neuen Ausdrucksformen, nach Authentizität und Tiefe, die sie in der glatten Perfektion der Salonmalerei nicht fanden. Es herrschte eine explosive Stimmung, ein Kampf zwischen Tradition und Moderne. In diesem Klima war es für die Avantgarde überlebenswichtig, eigene Räume zu schaffen – Orte des Austauschs, der Solidarität und der strategischen Planung. Genau solch ein Ort wurde der Salon der Marianne von Werefkin.

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Eine Baronin als intellektuelle Brandstifterin

Im Zentrum dieses Kraftfeldes stand die Gastgeberin selbst. Marianne von Werefkin war weit mehr als nur die wohlhabende Gönnerin, die ihre Türen öffnete. Sie war die Seele und der Verstand des Salons. Mit ihrer überwältigenden Bildung, die sie sich in Russland angeeignet hatte, ihrer perfekten Beherrschung mehrerer Sprachen und einem rasiermesserscharfen Intellekt war sie den meisten ihrer männlichen Kollegen geistig überlegen. Sie inszenierte die Abende mit strategischem Geschick, brachte die richtigen Leute zusammen und stieß mit provokanten Fragen und Thesen hitzige Debatten an.

Ihre Rolle war die einer aktiven, intellektuellen Anführerin. Während andere noch malten, was sie sahen, hatte Werefkin in ihren Schriften bereits die Notwendigkeit einer neuen, vergeistigten Kunst formuliert. Sie war keine passive Muse, sondern eine „Brandstifterin“, die das Feuer der Erneuerung schürte. Ihr Salon war ihr wichtigstes Werkzeug, um ihre Vision einer Revolution der Kunst in die Tat umzusetzen.

Die Gäste in der Giselastraße

Die Gästeliste ihres Salons liest sich heute wie ein „Who’s Who“ der künstlerischen Moderne. Den Kern bildete zunächst der russische Zirkel. Da war natürlich Alexej von Jawlensky, ihr Lebenspartner, der ihre Theorien in Malerei übersetzte. Und da war Wassily Kandinsky, der introvertierte Denker, der hier auf eine kongeniale Debattenpartnerin traf. An seiner Seite die stille, aber scharf beobachtende Malerin Gabriele Münter, die das Geschehen oft in schnellen Skizzen festhielt.

Kadinsky: Kallmünz – Gabriele Münter I
Kadinsky: Kallmünz – Gabriele Münter I

Doch der Kreis weitete sich schnell aus. Bald stießen die jungen deutschen Maler dazu, allen voran der naturverbundene und sensible Franz Marc und der farbenfrohe Rheinländer August Macke. Der Salon war zudem bewusst interdisziplinär ausgerichtet. Man traf hier KomponistInnen, die mit der Atonalität experimentierten, und TänzerInnen wie den exzentrischen Alexander Sacharoff, der nach neuen Ausdrucksformen für den Körper suchte. Sie alle fanden in Werefkins Wohnzimmer ein Forum, um über die Grenzen ihrer eigenen Disziplin hinweg nach einer neuen, gemeinsamen künstlerischen Sprache zu suchen.

Die großen Debatten

Die Themen, die in der Giselastraße diskutiert wurden, waren fundamental. Es ging um nichts Geringeres als die Neudefinition von Kunst. Man debattierte die radikale Abkehr vom bloßen Abbilden der sichtbaren Welt. Stattdessen, so die zentrale Forderung, sollte die Kunst dem Ausdruck einer „inneren Notwendigkeit“ dienen, sie sollte die Seele des Künstlers und das „Geistige“ in der Welt sichtbar machen. Kandinsky würde diesen Gedanken später in seiner berühmten Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ populär machen – doch die Grundlagen dafür wurden hier, in Werefkins Salon, gelegt.

Man sprach über die befreiende Kraft der reinen Farbe und der autonomen Form. Man begeisterte sich für die unverfälschte Ausdruckskraft von Volkskunst, von Kinderzeichnungen und der Kunst sogenannter „primitiver“ Völker. Aus diesen hitzigen Debatten und dem gemeinsamen Ringen um eine neue Ästhetik erwuchs schließlich ein konkreter Plan: die Gründung einer eigenen Künstlervereinigung, um der Avantgarde eine Bühne zu geben. 1909 war es so weit: Die Neue Künstlervereinigung München (NKVM) wurde ins Leben gerufen, mit Kandinsky als Vorsitzendem und Werefkin als treibender Kraft im Hintergrund.

Die Geburt des Blauen Reiter

Die NKVM war ein wichtiger erster Schritt, doch schon bald zeigten sich innerhalb der Gruppe unüberbrückbare Differenzen. Dem radikalen Flügel um Kandinsky, Marc und Werefkin war die Ausrichtung der Vereinigung nicht konsequent genug. Der endgültige Bruch kam 1911, als die Jury der NKVM ein abstraktes Gemälde Kandinskys für eine Ausstellung ablehnte.

Die Reaktion erfolgte prompt und wurde zweifellos in Werefkins Salon strategisch geplant. Kandinsky und Marc traten aus der NKVM aus. In Windeseile organisierten sie eine eigene, alternative Ausstellung unter dem Titel „Erste Ausstellung der Redaktion des Blauen Reiter“. Dies war die offizielle Geburtsstunde der legendären Künstlergruppe. Der Salon hatte sich damit von einer Debattierrunde zur Kommandozentrale einer künstlerischen Sezession gewandelt. Die dort entwickelten Ideen materialisierten sich nun in konkreten Taten: in Ausstellungen und in dem berühmten Almanach „Der Blaue Reiter“, der die Theorien der Gruppe zusammenfasste und zu einem der wichtigsten Dokumente der Moderne wurde.

Franz Marc: Grünes und weißes Pferd (1913)
Franz Marc: Grünes und weißes Pferd (1913)

Fazit

Die immense, aber lange unterschätzte Bedeutung des Salons von Marianne von Werefkin kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Er beweist, dass künstlerische Revolutionen nicht einsam im stillen Atelier stattfinden. Sie sind das Ergebnis von intensivem Austausch, von Freundschaft und intellektueller Reibung, von strategischen Allianzen und dem Mut, gemeinsam gegen etablierte Strukturen aufzubegehren. Marianne von Werefkin schuf mit ihrem Salon den entscheidenden sozialen und geistigen Raum, in dem die Avantgarde zu sich selbst finden konnte. Ihr Wohnzimmer in der Giselastraße war für die Geschichte der modernen Kunst ebenso wichtig wie die berühmten Ateliers der Maler.


FAQs

Warum war ein privater Salon in München so wichtig für die Kunst?
In einer Zeit, in der die offiziellen Akademien und Ausstellungsorte von konservativen Kräften dominiert wurden, boten private Salons wie der von Werefkin einen geschützten Raum. Hier konnte die Avantgarde frei debattieren, neue Ideen entwickeln und Allianzen schmieden, ohne sich dem Urteil des etablierten Kunstbetriebs aussetzen zu müssen.

Haben nur MalerInnen den Salon von Marianne von Werefkin besucht?
Nein, der Salon war bewusst interdisziplinär. Neben MalerInnen wie Kandinsky und Marc waren auch KomponistInnen, TänzerInnen wie Alexander Sacharoff und SchriftstellerInnen zu Gast. Man suchte nach einer Verbindung der Künste, um eine umfassende Erneuerung zu erreichen.

Was war der Unterschied zwischen der NKVM und dem Blauen Reiter?
Die NKVM (Neue Künstlervereinigung München) war der erste Versuch, die Avantgarde zu organisieren. Der Blaue Reiter war eine radikalere Abspaltung von der NKVM, die sich noch konsequenter der Abstraktion und dem „Geistigen in der Kunst“ verschrieb, nachdem es innerhalb der NKVM zu künstlerischen Differenzen gekommen war.

Gibt es das Haus in der Giselastraße heute noch?
Ja, das Gebäude in der Giselastraße 23 in München-Schwabing existiert noch. Es ist heute ein normales Wohnhaus, an dem eine Gedenktafel an die berühmten ehemaligen BewohnerInnen Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky erinnert.

War der Salon von Werefkin der einzige seiner Art in München?
Nein, es gab andere gesellschaftliche Treffpunkte, aber Werefkins Salon war einzigartig in seiner Konzentration auf die radikalsten neuen Kunsttheorien. Er war weniger ein literarischer Zirkel und mehr das Hauptquartier der bildenden KünstlerInnen, die den Expressionismus vorantrieben.

Gerhard RogenhoferJedes Objekt, das wir finden, ist ein Echo menschlicher Erfahrungen. Ich bin Gerhard und für mich ist Kulturgeschichte vor allem die Summe unzähliger persönlicher Schicksale. Hier auf Kultur-Fundstücke.de spüre ich diesen menschlichen Geschichten nach, die unsere Welt geformt haben.