Stell dir vor, du stehst in einer Galerie und dein Blick fällt auf dieses Gesicht. Es gibt kein Entkommen. Ein Paar durchdringende Augen fixiert dich aus einem Antlitz, das in grellen, fiebrigen Farben leuchtet. Das ist kein Porträt, das gefallen oder schmeicheln will. Es ist eine Konfrontation. Das berühmte Selbstbildnis von Marianne von Werefkin aus dem Jahr 1910 ist eine kühne, fast brutale Selbstanalyse, ein visuelles Manifest ihrer künstlerischen Wiedergeburt und eine radikale Kampfansage an die süßlichen Konventionen der Malerei – und an die Schatten ihrer eigenen Vergangenheit.

Die lange Stille und der Schrei der Farbe
Um die explosive Kraft dieses Bildes zu verstehen, müssen wir uns an die Geschichte der Künstlerin erinnern. Fast ein ganzes Jahrzehnt, von 1896 bis 1906, hatte Marianne von Werefkin ihre eigene Malerei komplett eingestellt. Sie widmete all ihre Energie und ihr Geld der Förderung ihres Partners Alexej von Jawlensky. Erst nach dieser langen, schmerzhaften Pause fand sie mit einer unglaublichen Wucht zu ihrer eigenen Kunst zurück. Ihre Rückkehr an die Leinwand war ein Befreiungsakt, ein Aufschrei.
Das Selbstbildnis von 1910 markiert den absoluten Höhepunkt dieses Prozesses. Es ist das selbstbewusste Ergebnis ihrer langen Suche nach einer neuen, eigenen Bildsprache. Nach Jahren, in denen sie die Theorien für andere formuliert hatte, wendet sie nun den Pinsel wie ein Skalpell auf sich selbst an, um ihr Innerstes nach außen zu kehren. Das Bild ist die ultimative Antwort auf die Frage, wer sie nach all den Jahren des Verzichts geworden war.
Direktheit ohne Ausflüchte
Werefkin verweigert den BetrachterInnen jede Form von Distanz oder Ablenkung. Der Bildausschnitt ist extrem eng gewählt, er schneidet die Figur knapp unter den Schultern ab und rückt das Gesicht ins absolute Zentrum. Kein erzählerischer Hintergrund, kein schmückendes Detail stört die Konzentration auf die dargestellte Person. Diese Reduktion zwingt uns in eine intime, fast unangenehme Nähe.
Die Pose unterstreicht diese Konfrontation. Werefkin präsentiert sich in strikter Frontalansicht, der Körper ist uns direkt zugewandt, der Blick trifft uns frontal. Das ist die klassische Pose von Herrscherporträts – eine Pose der Macht und der Autorität. Sie bittet nicht um unsere Sympathie, sie fordert unsere Aufmerksamkeit. Es gibt keine Ausflüchte, weder für sie noch für uns.
Die Sprache der Farben
Das Radikalste an diesem Gemälde ist zweifellos die Farbe. Werefkin nutzt sie nicht, um die Realität abzubilden, sondern um seelische Zustände sichtbar zu machen. Die Farben gehorchen nicht der Logik der sichtbaren Welt, sondern der des Gefühls.
- Das feurige Rot und Orange: Wie ein Fanal leuchten die Krawatte und das Band ihres Hutes in kräftigen Rottönen. Diese Signalfarben stehen für pure Energie, für Leidenschaft, für einen unbändigen Lebenswillen und den revolutionären Geist, der in ihr brennt. Es ist die Farbe der Aktion und der Selbstbehauptung.
- Das kühle Grün und Gelb: Am schockierendsten für das damalige Publikum waren sicherlich die Schatten im Gesicht. Anstelle von braunen oder grauen Tönen modelliert Werefkin ihre Züge mit giftigem Grün und Gelb. Hier zeigt sich der direkte Einfluss des französischen Fauvismus, insbesondere von Henri Matisse. Diese „unnatürlichen“ Farben sind Ausdrucksträger: Sie stehen für Intellektualität, für Nervosität, aber auch für die schmerzhaften inneren Kämpfe und die Abgründe, die sie durchlebt hat.
- Das tiefe Blau: Der Hintergrund und große Teile ihrer Kleidung sind in ein tiefes, fast leuchtendes Blau getaucht. Diese Farbe war für die KünstlerInnen des späteren „Blauen Reiter“ von zentraler Bedeutung. Sie symbolisiert das Geistige, die Tiefe des Denkens, die Konzentration und die Seriosität. Werefkin umgibt sich mit der Farbe der Spiritualität und des Intellekts.
Der Pinselstrich: Energie und Emotion
Passend zur expressiven Farbigkeit ist auch die Art, wie die Farbe aufgetragen wurde. Der Pinselstrich ist nervös, dynamisch und an vielen Stellen deutlich sichtbar. Breite, kraftvolle Striche formen die Kleidung und den Hintergrund, während kürzere, fast fahrige Linien die Züge des Gesichts nachzeichnen. Diese Malweise steht in absolutem Kontrast zu der glatten, akademischen Perfektion ihrer frühen, realistischen Werke.

Der Pinselstrich selbst wird hier zur Botschaft. Er erzählt von der Energie und der emotionalen Anspannung, die im Moment des Malens herrschten. Jeder Strich ist eine Spur, ein sichtbares Zeichen der Befreiung von alten Fesseln und der unbändigen schöpferischen Kraft, die nun endlich wieder an die Oberfläche bricht. Es ist die Handschrift einer Künstlerin, die nichts mehr zu verbergen hat.
Symbolik und feministische Interpretation
Was sehen wir also am Ende? Das Gesicht wirkt durch die grelle Farbigkeit und die harten Konturen wie eine Maske. Doch es ist keine Maske, die etwas verbirgt, sondern eine, die etwas offenbart: die selbst geschaffene Identität der modernen, intellektuellen Künstlerin. Werefkin demontiert das traditionelle Bild der Frau als passives, schönes Objekt. Sie weigert sich, gefällig zu sein.
Ihr Selbstbildnis ist ein beeindruckender Akt der Selbstermächtigung. Sie zeigt sich nicht als adrette Baronin, nicht als sanfte Muse, sondern als Schöpferin. Eine Frau, die denkt, die kämpft und die ihre Lebens- und Leidensspuren offen im Gesicht trägt. Sie beansprucht für sich eine Rolle, die damals fast ausschließlich Männern vorbehalten war: die des genialen, willensstarken Künstlerindividuums. In diesem Sinne ist das Porträt ein zutiefst feministisches Statement.
Fazit: Ein gemaltes Manifest
Das „Selbstbildnis I“ von Marianne von Werefkin ist unendlich viel mehr als nur das Abbild einer Frau. Es ist ihr gemaltes Manifest der künstlerischen und persönlichen Unabhängigkeit. Es ist ein Schlüsselwerk des frühen deutschen Expressionismus, das die Theorien über die emotionale Kraft der Farbe brillant in die Praxis umsetzt. Wie in einem Brennglas verdichtet dieses eine, unvergessliche Bild die ganze dramatische Geschichte seiner Schöpferin: die Geschichte von langem Verzicht, intellektueller Reifung und einer triumphalen, farbgewaltigen Rückkehr zu sich selbst.
FAQs
Warum hat sich Marianne von Werefkin so „hässlich“ gemalt?
Ihr Ziel war nicht, äußere Schönheit abzubilden, sondern innere Wahrheit und seelische Zustände. Die grellen, unnatürlichen Farben und die harten Züge sollten ihren Intellekt, ihren Willen und ihre inneren Kämpfe sichtbar machen, nicht einem bürgerlichen Schönheitsideal entsprechen. Für den Expressionismus war Ausdruck wichtiger als Schönheit.
Welche anderen KünstlerInnen haben sie bei diesem Bild beeinflusst?
Die stärksten Einflüsse kamen von den französischen Fauvisten („die wilden Tiere“) wie Henri Matisse, was man am Einsatz von Grün- und Gelbtönen im Gesicht sieht. Auch die intensive Farbigkeit von Vincent van Gogh und die symbolische Tiefe von Paul Gauguin waren wichtige Vorbilder für sie.
Ist das ihr einziges Selbstporträt in diesem Stil?
Nein, es gibt einige weitere Selbstbildnisse und Porträts aus dieser Zeit, die eine ähnliche expressive Sprache sprechen. Dieses „Selbstbildnis I“ von 1910 gilt jedoch als das radikalste und programmatischste und wird daher als Schlüsselwerk angesehen.
Was sagt das Bild über ihre Beziehung zu Jawlensky aus?
Das Bild ist eine klare Emanzipationserklärung. Nachdem sie ihre Kunst jahrelang für ihn zurückgestellt hatte, zeigt sie sich hier als eigenständige, starke Künstlerpersönlichkeit. Es ist das visuelle Statement, dass sie nun nicht mehr nur die Förderin, sondern selbst eine zentrale Akteurin auf der Bühne der Moderne ist.
Wo hängt das Gemälde „Selbstbildnis I“ heute?
Das „Selbstbildnis I“ von Marianne von Werefkin befindet sich heute in der Sammlung der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München, dem wichtigsten Museum für die Kunst des Blauen Reiter.
{ "@context": "https://schema.org", "@type": "FAQPage", "mainEntity": [ { "@type": "Question", "name": "Warum hat sich Marianne von Werefkin so \"hässlich\" gemalt?", "acceptedAnswer": { "@type": "Answer", "text": "Ihr Ziel war nicht, äußere Schönheit abzubilden, sondern innere Wahrheit und seelische Zustände. Die grellen, unnatürlichen Farben und die harten Züge sollten ihren Intellekt, ihren Willen und ihre inneren Kämpfe sichtbar machen, nicht einem bürgerlichen Schönheitsideal entsprechen. Für den Expressionismus war Ausdruck wichtiger als Schönheit." } }, { "@type": "Question", "name": "Welche anderen KünstlerInnen haben sie bei diesem Bild beeinflusst?", "acceptedAnswer": { "@type": "Answer", "text": "Die stärksten Einflüsse kamen von den französischen Fauvisten (\"die wilden Tiere\") wie Henri Matisse, was man am Einsatz von Grün- und Gelbtönen im Gesicht sieht. Auch die intensive Farbigkeit von Vincent van Gogh und die symbolische Tiefe von Paul Gauguin waren wichtige Vorbilder für sie." } }, { "@type": "Question", "name": "Ist das ihr einziges Selbstporträt in diesem Stil?", "acceptedAnswer": { "@type": "Answer", "text": "Nein, es gibt einige weitere Selbstbildnisse und Porträts aus dieser Zeit, die eine ähnliche expressive Sprache sprechen. Dieses \"Selbstbildnis I\" von 1910 gilt jedoch als das radikalste und programmatischste und wird daher als Schlüsselwerk angesehen." } }, { "@type": "Question", "name": "Was sagt das Bild über ihre Beziehung zu Jawlensky aus?", "acceptedAnswer": { "@type": "Answer", "text": "Das Bild ist eine klare Emanzipationserklärung. Nachdem sie ihre Kunst jahrelang für ihn zurückgestellt hatte, zeigt sie sich hier als eigenständige, starke Künstlerpersönlichkeit. Es ist das visuelle Statement, dass sie nun nicht mehr nur die Förderin, sondern selbst eine zentrale Akteurin auf der Bühne der Moderne ist." } }, { "@type": "Question", "name": "Wo hängt das Gemälde \"Selbstbildnis I\" heute?", "acceptedAnswer": { "@type": "Answer", "text": "Das \"Selbstbildnis I\" von Marianne von Werefkin befindet sich heute in der Sammlung der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München, dem wichtigsten Museum für die Kunst des Blauen Reiter." } } ] }
Jedes Objekt, das wir finden, ist ein Echo menschlicher Erfahrungen. Ich bin Gerhard und für mich ist Kulturgeschichte vor allem die Summe unzähliger persönlicher Schicksale. Hier auf Kultur-Fundstücke.de spüre ich diesen menschlichen Geschichten nach, die unsere Welt geformt haben.


