Rudolf von Alt: Ein Spaziergang durch Wien

Willkommen zu einer ganz besonderen Zeitreise! Wir werden heute keinen verstaubten Museumsbesuch machen. Stattdessen lade ich dich ein, mit mir auf einen Spaziergang durch das Herz von Wien zu gehen. Unser Reiseführer ist dabei kein Geringerer als der Maler Rudolf von Alt, der präziseste Chronist des 19. Jahrhunderts.

Seine Aquarelle sind unser Fenster in die Vergangenheit. Wir werden an den Orten stehen, an denen er vor über 150 Jahren seine Staffelei aufstellte, und das Wien von damals mit dem von heute vergleichen. Du wirst staunen, wie viele Geister der Kaiserzeit sich im modernen Stadtbild verbergen. Nach diesem Spaziergang, versprochen, wirst du Wien nie wieder mit denselben Augen sehen.

Vorbereitung für deine Zeitreise

Dieser Spaziergang ist ganz einfach und findet komplett im 1. Wiener Gemeindebezirk statt. Alles, was du für dieses Abenteuer benötigst, ist:

  • Bequeme Schuhe für einen etwa 1,5-stündigen Spaziergang.
  • Ein Smartphone oder Tablet. Am besten speicherst du dir die hier gezeigten Bilder von Rudolf von Alt ab, damit du sie vor Ort direkt vergleichen kannst.
  • Eine große Portion Neugier und die Lust, ganz genau hinzusehen.

Bist du bereit? Unsere Zeitmaschine startet jetzt, im Herzen der Stadt.

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Der Stephansdom vom Stock-im-Eisen-Platz

Unser Startpunkt ist der wohl bekannteste Ort Wiens: der Stephansplatz. Wir stellen uns direkt an die Ecke zur Kärntner Straße, an den gläsernen Eingang des U-Bahnhofs, mit Blick auf das Hauptportal des Stephansdoms. Dieser Ort ist der Stock-im-Eisen-Platz.

Rudolf von Alt: Der Stephansdom in Wien (1832)
Rudolf von Alt: Der Stephansdom in Wien (1832)

Damals (1832):
Blicke nun auf das Aquarell, das ein junger Rudolf von Alt von genau dieser Stelle malte. Du siehst eine ganz andere Welt. Der gotische Dom ist derselbe, aber seine Wirkung ist eine andere. Er wirkt freier, weil die umliegenden Häuser viel niedriger sind. Der Platz ist voller Leben, aber es ist das Leben des Biedermeier.

Du siehst elegante Damen mit Sonnenschirmen, Männer mit Zylindern, spielende Kinder und sogar Wasserträger, die an einem Brunnen ihre Fässer füllen. Pferdekutschen, die berühmten Fiaker, warten auf Kundschaft. Die Atmosphäre ist die einer geschäftigen, aber im Vergleich zu heute fast dörflichen Residenzstadt.

Heute (der Standpunkt):
Hebe jetzt den Blick vom Bildschirm. Was siehst du? Die größte Veränderung springt dir sofort ins Auge: das postmoderne Haas-Haus des Architekten Hans Hollein direkt gegenüber dem Dom. In seiner verspiegelten Fassade fängt sich das Bild des alten Doms – eine surreale Begegnung von Gotik und 20. Jahrhundert.

Die Fiaker gibt es immer noch, aber sie teilen sich den Platz mit unzähligen Touristen aus aller Welt. Statt des Brunnens gibt es nun den gläsernen U-Bahn-Aufgang. Der Lärm ist ein anderer, das Tempo schneller. Aber der Dom selbst, der Riese von Wien, steht noch genauso da. Er ist der Anker, der beide Zeitepochen verbindet.

Pracht und Promenade – Graben und Pestsäule

Wir gehen vom Stephansplatz ein paar Schritte nach links und biegen in die berühmte Flaniermeile „Der Graben“ ein. Unser Ziel ist die Mitte des Platzes, bei der goldenen Pestsäule.

Damals (1845):
Schau dir von Alts Ansicht des Grabens an. Im Zentrum thront die barocke Pestsäule, genau wie heute. Aber die Gebäude ringsum sind anders. Es sind elegante, aber noch relativ schlichte Biedermeierhäuser. Die Geschäfte im Erdgeschoss haben kleine, bescheidene Auslagen.

Nobel gekleidete BürgerInnen flanieren gemächlich, Offiziere in Uniform unterhalten sich. Achte auf die Details am Boden: Du siehst die steinernen Rinnen der damaligen Wasserleitungen, die sogenannten „Brünnl“. Der Graben ist ein Ort der Repräsentation, aber noch ohne die opulente Wucht der späteren Gründerzeit.

Heute (der Standpunkt):
Blicke dich um. Der Graben ist heute eine der luxuriösesten Einkaufsstraßen Europas. Viele der alten Häuser wurden durch prunkvolle Gründerzeitpaläste ersetzt, in deren Erdgeschossen heute die Flagship-Stores internationaler Luxusmarken wie Gucci oder Hermès zu finden sind. Im Sommer füllen die Terrassen der Cafés, die Wiener „Schanigärten“, den Platz.

Statt des Klapperns von Pferdehufen hörst du das Stimmengewirr vieler Sprachen und das Rollen von Koffern. Doch die Pestsäule steht als goldener Ankerpunkt unverändert in der Mitte, und einige der von Alt gemalten Fassaden sind tatsächlich noch erhalten. Kannst du sie entdecken?

Die k. k. Hofoper an der Ringstraße

Wir folgen dem Graben bis zum Ende und biegen links in die Kärntner Straße ein, die uns direkt zur Ringstraße führt. Dort steht vor uns eines der international berühmtesten Opernhäuser.

Damals (1870):
Betrachte nun von Alts Aquarell der gerade erst fertiggestellten k. k. Hofoper (heute Wiener Staatsoper). Das Gebäude strahlt in makellosem, neuem Glanz. Das Auffälligste ist, wie frei und fast einsam es in der Landschaft steht. Die berühmte Ringstraße ist noch eine sehr breite, fast leere Allee mit frisch gepflanzten, jungen Bäumen. Einige elegante Kutschen fahren vorbei, aber von dichtem Verkehr ist keine Spur. Elegante Gaslaternen säumen den Weg. Von Alt fängt die stolze Atmosphäre dieses Moments ein, in dem Wien sich als moderne Metropole neu erfand.

Heute (der Standpunkt):
Das Bild heute ist ein vollkommen anderes. Die Staatsoper ist immer noch das prachtvolle Zentrum, aber sie ist inzwischen fest in das dichte Gewebe der Großstadt integriert. Die Bäume sind zu stattlicher Größe herangewachsen. Auf der Ringstraße herrscht rund um die Uhr dichter Verkehr, Straßenbahnen rattern vorbei.

Das Gebäude selbst trägt die ehrwürdigen Spuren der Geschichte, einschließlich der Spuren des Wiederaufbaus nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Wo einst leere Weite war, herrscht heute die pulsierende Hektik einer Weltstadt. Die Oper ist nicht mehr nur ein Solitär, sondern das Herz eines urbanen Organismus.

Das Treppenhaus des Palais Todesco

Gleich gegenüber der Oper, an der Kärntner Straße 51, steht das prachtvolle Palais Todesco. Für unsere letzte Station wagen wir einen Blick hinter die Fassaden.

Damals (1859):
Von Alt war auch ein Meister der Interieur-Malerei. Sein Bild des Treppenhauses im Palais des Bankiers Eduard von Todesco zeigt die unglaubliche Prachtentfaltung der Ringstraßen-Gesellschaft. Betrachte die Details: den schweren, roten Teppich auf den Stufen, das kunstvoll vergoldete Geländer, die Marmorsäulen, die Atlanten-Figuren, die die Decke stützen, und das gedämpfte Licht, das von oben einfällt. Es ist ein Einblick in eine private Welt des überbordenden Reichtums und des Repräsentationswillens.

Heute (der Standpunkt):
Das Palais Todesco existiert noch heute in seiner ganzen Pracht. Im Erdgeschoss befindet sich das berühmte Café Gerstner. Oft steht die Haupttür des Gebäudes offen, und man kann einen Blick auf das prächtige Vestibül und das Treppenhaus werfen, das heute zu Büros und Veranstaltungsräumen führt. Wenn du hineinspähst, wirst du sehen, dass die grundlegende Architektur, die Marmorverkleidung und die prunkvolle Atmosphäre die Zeit überdauert haben. Du stehst praktisch im Bild von Rudolf von Alt!

Fazit

Unser Spaziergang endet hier. Wir haben gesehen, dass Wien ein „Palimpsest“ ist – eine alte Schriftrolle, die immer wieder neu beschrieben wurde, bei der aber die alten Schichten noch immer durchscheinen. Rudolf von Alt hat uns mit seinen Aquarellen einen Stift in die Hand gegeben, mit dem wir diese alten Schichten wieder sichtbar machen können. Er lehrt uns, dass Geschichte nicht nur in Museen stattfindet, sondern direkt vor unseren Füßen auf der Straße liegt. Ich hoffe, dieser Spaziergang hat deine Neugier geweckt, Wien weiterhin mit den Augen eines Zeitreisenden zu entdecken. Es gibt noch Hunderte von Alts Ansichten, die auf dich warten!


FAQs

Wie lange dauert dieser Spaziergang ungefähr?
Wenn du an jeder Station etwa 10–15 Minuten zum Schauen und Vergleichen einplanst, dauert der reine Spaziergang von Station zu Station etwa 60 bis 90 Minuten. Er ist ideal für einen Vor- oder Nachmittag.

Ist der Weg barrierefrei?
Ja, der gesamte beschriebene Weg im 1. Bezirk verläuft auf befestigten Gehwegen und in Fußgängerzonen und ist somit für Rollstühle und Kinderwagen gut geeignet.

Benötige ich für die beschriebenen Orte Tickets?
Nein. Alle vier Stationen können komplett kostenlos von öffentlichen Plätzen und Straßen aus besichtigt werden. Für einen Besuch der Staatsoper oder eine Kaffeepause im Café Gerstner im Palais Todesco fallen natürlich Kosten an.

Wo finde ich die Bilder von Rudolf von Alt in hoher Auflösung zum Vergleichen?
Viele der wichtigsten Werke von Rudolf von Alt sind in den Online-Sammlungen großer Museen wie der Albertina Wien oder des Wien Museums digitalisiert und in hoher Auflösung frei zugänglich. Eine schnelle Suche nach dem Titel des Werks führt meist direkt zum Ziel.

Gibt es auch geführte Touren zu diesem Thema in Wien?
Ja, einige spezialisierte Wiener FremdenführerInnen bieten Stadtspaziergänge an, die sich auf den „Damals und Heute“-Vergleich konzentrieren und oft auch Werke von Rudolf von Alt als Grundlage nutzen. Eine Suche nach „Rudolf von Alt Stadtführung Wien“ ist ein guter Startpunkt.

Gerhard RogenhoferJedes Objekt, das wir finden, ist ein Echo menschlicher Erfahrungen. Ich bin Gerhard und für mich ist Kulturgeschichte vor allem die Summe unzähliger persönlicher Schicksale. Hier auf Kultur-Fundstücke.de spüre ich diesen menschlichen Geschichten nach, die unsere Welt geformt haben.